Borreliose beim Pferd: Anzeichen erkennen, tierärztlich abklären und bedarfsgerecht füttern
Sobald die Temperaturen im Frühjahr steigen, werden auch Zecken wieder aktiver. Die kleinen Parasiten halten sich bevorzugt in hohem Gras, an Waldrändern, in Gebüschen und auf naturbelassenen Weideflächen auf. Dort können sie sich unbemerkt im Fell des Pferdes festsetzen und eine Blutmahlzeit beginnen.
Ein Zeckenstich bleibt häufig ohne Folgen. Einige Zecken können jedoch Bakterien aus der Gruppe der Borrelien übertragen. Der Kontakt mit dem Erreger bedeutet nicht automatisch, dass ein Pferd erkrankt. Treten nach einem möglichen Zeckenkontakt Veränderungen des Allgemeinbefindens, des Bewegungsablaufs oder des Verhaltens auf, sollten diese dennoch aufmerksam beobachtet und tierärztlich abgeklärt werden.
Die Einordnung einer möglichen Borreliose beim Pferd ist anspruchsvoll. Viele beobachtbare Veränderungen sind unspezifisch und können zahlreiche andere Ursachen haben. Eine Diagnose lässt sich deshalb weder anhand einzelner Symptome noch allein durch einen positiven Antikörpertest stellen.
Dieser Ratgeber erläutert, welche Anzeichen im Zusammenhang mit einer Borrelieninfektion diskutiert werden, wie die tierärztliche Diagnostik ablaufen kann und worauf Pferdehalter bei Haltung, Fütterung und Zeckenkontrolle achten können.
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Bei Fieber, deutlichen Lahmheiten, neurologischen Auffälligkeiten, anhaltender Fressunlust oder einer schnellen Verschlechterung des Allgemeinzustands sollte umgehend ein Tierarzt verständigt werden.
Symptome und Warnsignale
Nach der Übertragung von Borrelien können zwischen dem Zeckenkontakt und möglichen klinischen Auffälligkeiten mehrere Wochen oder Monate liegen. Bei vielen Pferden bleibt ein Kontakt mit dem Erreger unbemerkt. Zudem weisen Antikörper gegen Borrelien zunächst nur darauf hin, dass sich das Immunsystem zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Erreger auseinandergesetzt hat.
Die beim Menschen bekannte Wanderröte, medizinisch als Erythema migrans bezeichnet, eignet sich beim Pferd nicht als verlässliches Erkennungsmerkmal. Hautveränderungen können durch das Fell verdeckt sein und müssen zudem nicht auftreten.
Mögliche Auffälligkeiten sind in der Regel nicht eindeutig. Sie können auch bei Erkrankungen des Bewegungsapparates, anderen Infektionen, Stoffwechselproblemen, Trainingsüberlastung oder ungeeigneten Haltungsbedingungen vorkommen.
Zu den Veränderungen, die tierärztlich abgeklärt werden sollten, gehören:
- Bewegungsapparat: Dazu zählen ein veränderter oder steifer Bewegungsablauf, wechselnde Lahmheiten, Bewegungsunlust, eine verminderte Leistungsbereitschaft oder empfindliche beziehungsweise geschwollene Gelenkregionen. Solche Beobachtungen beweisen jedoch keine Borreliose und können viele orthopädische Ursachen haben.
- Allgemeinbefinden: Manche Pferde wirken zeitweise müde, weniger aufmerksam oder ungewöhnlich zurückhaltend. Auch eine verminderte Futteraufnahme, erhöhte Körpertemperatur oder eine reduzierte Belastbarkeit sollten ernst genommen werden.
- Nervensystem und Verhalten: Selten werden neurologische Auffälligkeiten im Zusammenhang mit einer Borrelieninfektion beschrieben. Dazu können Koordinationsprobleme, ungewöhnliche Berührungsempfindlichkeit oder deutliche Verhaltensänderungen gehören. Solche Symptome erfordern unabhängig von ihrer Ursache eine zeitnahe tierärztliche Untersuchung.
- Augen und Haut: Veränderungen an den Augen, Hautknoten oder andere ungewöhnliche Hautreaktionen sollten ebenfalls fachlich beurteilt werden. Auch hierbei kommen zahlreiche andere Auslöser infrage.
Unspezifische Symptome sollten nicht vorschnell als Borreliose interpretiert werden. Insbesondere wechselnde Lahmheiten, Verspannungen oder Leistungsabfall können durch orthopädische, muskuläre, neurologische und haltungsbedingte Faktoren verursacht werden.
Eine frühzeitige tierärztliche Untersuchung ist wichtig, um akute oder behandlungsbedürftige Ursachen zu erkennen und andere Erkrankungen systematisch auszuschließen.
Der Weg zur sicheren Diagnose
Die Diagnose einer klinisch relevanten Borreliose beim Pferd kann komplex sein. Ein einzelner Bluttest reicht in der Regel nicht aus. Antikörper im Blut zeigen zunächst lediglich, dass ein Pferd Kontakt mit Borrelien hatte. Sie bestätigen nicht automatisch, dass vorhandene Beschwerden durch diese Bakterien verursacht werden.
Für die tierärztliche Beurteilung werden deshalb mehrere Informationen miteinander kombiniert:
- die Krankengeschichte und der zeitliche Verlauf,
- mögliche Aufenthalte in Zeckengebieten,
- die beobachteten klinischen Auffälligkeiten,
- die Ergebnisse der allgemeinen und gegebenenfalls orthopädischen oder neurologischen Untersuchung,
- geeignete Laboruntersuchungen,
- der Ausschluss anderer wahrscheinlicher Ursachen.
Je nach Fragestellung können unterschiedliche serologische Verfahren eingesetzt werden. Dabei wird untersucht, ob und in welcher Form Antikörper gegen bestimmte Bestandteile von Borrelien vorhanden sind. Die Ergebnisse müssen stets im Zusammenhang mit dem klinischen Gesamtbild interpretiert werden.
Ein positiver Laborbefund ohne passende klinische Auffälligkeiten ist daher nicht mit einer behandlungsbedürftigen Erkrankung gleichzusetzen. Umgekehrt sollte eine unklare Symptomatik nicht ausschließlich auf Grundlage eines negativen Einzeltests beurteilt werden.
Weitere Untersuchungen können erforderlich sein, um beispielsweise orthopädische Erkrankungen, andere durch Zecken übertragene Infektionen, neurologische Ursachen oder entzündliche Prozesse auszuschließen. Welche Diagnostik sinnvoll ist, entscheidet der behandelnde Tierarzt anhand des Einzelfalls.
Die Borreliose-Therapie beim Pferd: Was hilft wirklich?
Ob eine Behandlung erforderlich ist und wie sie durchgeführt wird, gehört ausschließlich in tierärztliche Hände. Die Entscheidung richtet sich nicht allein nach einem Laborwert, sondern nach dem gesamten klinischen Bild und den Ergebnissen der weiterführenden Untersuchungen.
Bei einem begründeten Verdacht auf eine klinisch relevante bakterielle Infektion kann der Tierarzt eine antibiotische Behandlung verordnen. Auswahl, Dosierung, Verabreichungsform und Behandlungsdauer müssen individuell festgelegt werden. Antibiotika dürfen nicht eigenständig eingesetzt, verändert oder vorzeitig abgesetzt werden.
Je nach Zustand des Pferdes können weitere tierärztliche Maßnahmen erforderlich sein. Diese richten sich nach den vorhandenen Beschwerden und können beispielsweise das Schmerzmanagement, die Behandlung begleitender Entzündungsreaktionen oder eine vorübergehende Anpassung von Bewegung und Training umfassen.
Während einer Behandlung sollten Pferdehalter den Verlauf sorgfältig dokumentieren. Hilfreich sind tägliche Notizen zu:
- Körpertemperatur,
- Futter- und Wasseraufnahme,
- Kotabsatz,
- Bewegungsablauf,
- Verhalten und Aufmerksamkeit,
- möglichen Reaktionen auf verordnete Medikamente.
Bei Kolikanzeichen, Durchfall, starker Fressunlust, Kreislaufproblemen, neurologischen Auffälligkeiten oder einer deutlichen Verschlechterung des Zustands sollte unverzüglich Rücksprache mit dem Tierarzt gehalten werden.
Die Erfolgsaussichten und der zeitliche Verlauf können von Pferd zu Pferd unterschiedlich sein. Pauschale Heilungsversprechen oder verbindliche Aussagen zur Behandlungsdauer sind daher nicht möglich.
Fütterung und Regeneration
Die Fütterung kann eine tierärztliche Behandlung weder ersetzen noch Borrelien beseitigen. Sie kann jedoch dazu beitragen, das Pferd während einer besonderen Belastungsphase bedarfsgerecht mit Energie, Protein, Mineralstoffen, Vitaminen und strukturreicher Rohfaser zu versorgen.
Im Mittelpunkt steht keine spezielle „Borreliose-Diät“, sondern eine gut verträgliche und an den individuellen Bedarf angepasste Gesamtration. Dabei sollten Alter, Körpergewicht, Ernährungszustand, Arbeitsleistung, Grundfutterqualität, Begleiterkrankungen und die aktuelle Futteraufnahme berücksichtigt werden.
Bei Unsicherheiten empfiehlt sich eine professionelle Rationsberechnung. Ergänzungsfuttermittel sollten nicht pauschal miteinander kombiniert werden, da es insbesondere bei Mineralstoffen und Spurenelementen zu einer Überversorgung kommen kann.
Das kannst du in der Futterkammer beachten:
- Grundfutterversorgung überprüfen:
Hochwertiges, hygienisch einwandfreies Raufutter bildet die Grundlage der Pferdefütterung. Die angebotene Menge und Qualität sollten zum Ernährungszustand und zur individuellen Situation des Pferdes passen. Bei verminderter Futteraufnahme muss gemeinsam mit dem Tierarzt geklärt werden, welche Raufutteralternativen geeignet sind. - Futterwechsel langsam gestalten:
Plötzliche Änderungen der Ration können das empfindliche Verdauungssystem des Pferdes zusätzlich beanspruchen. Neue Futtermittel sollten deshalb schrittweise eingeführt werden, sofern keine tierärztliche Anweisung dagegenspricht. - Ration auf Verträglichkeit ausrichten:
Leicht aufnehmbare, gut eingeweichte Futtermittel können für Pferde interessant sein, die vorübergehend weniger fressen oder Schwierigkeiten beim Kauen haben. Welche Produkte und Mengen geeignet sind, hängt vom jeweiligen Pferd und der übrigen Ration ab. - Mash bedarfsgerecht einsetzen:
Mash kann als warme oder eingeweichte Mahlzeit angeboten werden und liefert – abhängig von der Rezeptur – unter anderem Faserstoffe und gut aufnehmbare Komponenten. Es sollte entsprechend der Fütterungsempfehlung verwendet und in die Tagesration eingerechnet werden. Mash ist kein Arzneimittel und behandelt weder eine Infektion noch mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten. - Mineralstoffversorgung kontrollieren:
Zink, Selen, Kupfer und weitere Mikronährstoffe erfüllen wichtige physiologische Funktionen im Organismus. Eine zusätzliche Gabe ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn die Gesamtration einen entsprechenden Bedarf erkennen lässt. Besonders Selen besitzt eine geringe Sicherheitsspanne und sollte nicht ohne Kenntnis der bereits aufgenommenen Menge ergänzt werden. - Energie und Protein individuell anpassen:
Pferde mit reduzierter Arbeitsleistung benötigen möglicherweise weniger energiereiches Kraftfutter. Bei Gewichtsverlust kann dagegen eine gezielte Anpassung der Energie- und Proteinversorgung notwendig sein. Veränderungen sollten langsam und unter Berücksichtigung des gesamten Gesundheitszustands erfolgen. - Wasser und Salz bereitstellen:
Frisches Trinkwasser muss jederzeit verfügbar sein. Zusätzlich sollte eine bedarfsgerechte Natriumversorgung, beispielsweise über Salz, berücksichtigt werden. Bei stark verminderter Wasseraufnahme oder auffälligem Trinkverhalten ist der Tierarzt zu informieren. - Kräuter mit Bedacht auswählen:
Kräuter sind nicht automatisch nebenwirkungsfrei. Einzelne Pflanzen können mit Medikamenten interagieren, für bestimmte Pferde ungeeignet sein oder bei Turnierpferden dopingrelevante Substanzen enthalten. Kräuterhaltige Ergänzungsfuttermittel sollten deshalb nach Deklaration, Dosierung und Einsatzzweck ausgewählt werden. Aussagen wie „entgiftet“, „bekämpft Entzündungen“ oder „stärkt die Abwehr gegen Borrelien“ sind für Futtermittel nicht angemessen. - Futteraufnahme dokumentieren:
Eine einfache tägliche Übersicht über Heuaufnahme, Kraftfutter, Ergänzungsfutter, Wasserverbrauch und Körpergewicht beziehungsweise Body Condition Score erleichtert die Beurteilung des Verlaufs. - Medikamente nicht eigenständig ins Futter mischen:
Arzneimittel sollten ausschließlich nach tierärztlicher Anweisung verabreicht werden. Dabei ist zu beachten, dass einige Medikamente nicht zusammen mit bestimmten Futtermitteln oder Mineralstoffen gegeben werden sollten. Die konkreten Abstände und Verabreichungshinweise nennt der behandelnde Tierarzt.
Eine bedarfsgerechte Pferdefütterung während besonderer Belastungsphasen verfolgt vor allem ein Ziel: Das Pferd zuverlässig mit den Nährstoffen zu versorgen, die es entsprechend seiner individuellen Ration benötigt. Ergänzungsfutter ist dabei immer als Bestandteil des Fütterungsmanagements und nicht als Behandlung einer Erkrankung zu verstehen.
Vorsorge ist der beste Zeckenschutz
Ein vollständiger Schutz vor Zecken lässt sich im Pferdealltag kaum erreichen. Das Risiko eines Zeckenkontakts kann jedoch durch ein konsequentes Weide-, Fell- und Haltungsmanagement reduziert werden.
In der Zeckensaison sollte das Pferd nach Aufenthalten auf der Weide, an Waldrändern oder in hohem Gras gründlich abgesucht werden. Zecken bevorzugen häufig geschützte, dünn behaarte oder schlecht einsehbare Körperstellen.
Kontrolliere insbesondere:
- Kopf, Ohrenansatz und Ganaschen,
- Mähnenkamm und Schweifrübe,
- Brust und Unterbauch,
- Achsel- und Leistenbereich,
- Innenseiten der Beine,
- Bereich zwischen den Hinterbeinen.
Auch ein regelmäßiges Freischneiden von Weidezäunen, das Entfernen von starkem Gestrüpp und die Pflege von Randbereichen können dazu beitragen, typische Aufenthaltsorte von Zecken in unmittelbarer Nähe der Pferde zu reduzieren.
Für Pferde geeignete Repellent-Produkte können gemäß ihrer Gebrauchsanweisung eingesetzt werden. Dabei sollten Anwendungsbereich, Schutzdauer, Hautverträglichkeit und mögliche Einschränkungen bei Turnierpferden beachtet werden. Kein Spray bietet einen garantiert vollständigen Schutz, weshalb die tägliche Kontrolle weiterhin wichtig bleibt.
Solltest du eine Zecke entdecken, gehe bei der Zeckenentfernung möglichst ruhig und sorgfältig vor:
- Werkzeug wählen: Verwende eine geeignete Zeckenzange, einen Zeckenhaken oder eine fein schließende Pinzette.
- Richtig ansetzen: Setze das Werkzeug möglichst nah an der Haut und am vorderen Bereich der Zecke an.
- Kontrolliert entfernen: Ziehe die Zecke langsam und gleichmäßig aus der Haut. Der Körper des Parasiten sollte dabei nicht gequetscht werden.
- Keine Hausmittel auftragen: Öl, Alkohol, Klebstoff oder ähnliche Substanzen sollten nicht auf eine festsitzende Zecke gegeben werden.
- Einstichstelle kontrollieren: Reinige die Stelle bei Bedarf mit einem für Tiere geeigneten Produkt und beobachte sie in den folgenden Tagen.
- Tierarzt kontaktieren: Bei einer starken Schwellung, deutlicher Wärme, Schmerzhaftigkeit, nässenden Veränderungen oder Unsicherheit über verbliebene Zeckenteile sollte tierärztlicher Rat eingeholt werden.
Es kann hilfreich sein, das Datum und die Fundstelle der Zecke zu notieren. Auch ein Foto der Einstichstelle ermöglicht eine spätere Verlaufskontrolle. Das Aufbewahren der Zecke ist für die routinemäßige Diagnose beim Pferd normalerweise nicht entscheidend; im Zweifelsfall kann der Tierarzt das weitere Vorgehen empfehlen.
Aufmerksame Zeckenkontrolle, ein durchdachtes Weidemanagement und eine bedarfsgerechte Gesamtration sind sinnvolle Bestandteile des Pferdemanagements. Sie ersetzen jedoch weder eine tierärztliche Diagnostik noch eine notwendige medizinische Behandlung.